Digitalisierung braucht Mut

Die Digitalisierung in Bauunternehmen bringt radikal neue Prozesse. Sie arbeitet mit neuen Daten und sie schafft neue Verantwortungen. Diese Innovationen sind nicht additiv, also zusätzlich zu heutigen Abläufen, sie ersetzen sie. Und Sie müssen von allen und immer im Unternehmen konsequent genutzt werden. Die Entscheidung zu dieser Veränderung, zu jedem einzelnen Schritt dazu erfordert Mut. Den Mut neue Wege zu gehen und auch den Mut zu scheitern. Das ist der Preis auf dem Weg zum digitalen Bauunternehmen.

Digitalisierung braucht neue Prozesse mit neuen Datenketten

Seit Jahrzehnten werden Eingangsrechnungen in Unternehmen auf einem akribisch festgelegten Weg kopiert, verteilt, geprüft, freigezeichnet, zurückgeschickt. In diesem Prozess die Rohrpost durch PDFs1 zu ersetzen ist keine Digitalisierung. Wenn aus eingehenden Lieferscheinen die jeweiligen Mengen den Positionen einer Materialbestellung zugeordnet und die Mengenprüfung automatisch erfolgt und damit die Rechnung genauso automatisch geprüft ist, dann sprechen wir von Digitalisierung. Digitalisierung ist immer das Zusammenwirken von neuen strukturierten Daten über geschlossene Datenketten mit neuen Prozessen. Der neue Prozess führt zu neuen Verantwortungen. Beispiel: Wenn der Lieferschein fachlich auf der Baustelle freigegeben ist, ist die Mengenprüfung ein automatisierbarer Prozess. Digitalisierung ist deshalb immer die Strukturierung von Abläufen, die Vereinheitlichung und dann die Automatisierung.

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden

„Alles, was digitalisiert und in Information verwandelt werden kann, wird digitalisiert und in Information verwandelt. Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.”2 Die Digitalisierung und Automatisierung sind die Voraussetzung für eine Einsparung von wertvoller Arbeitszeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, bei gleichzeitiger Erhöhung der Qualität der Ergebnisse der Arbeit und der Reduzierung von Fehlern.

Digitalisierung findet immer im Jetzt statt

Digitalisierung findet auch immer im Jetzt statt. Daten und Prozesse werden in Echtzeit aufgenommen, verarbeitet, analysiert und unterstützen so Entscheidungen und die Organisation der Arbeit von morgen.

Digitalisierung wirkt durch Konsequenz

Die Automatisierung wirkt, wenn konsequent alle im Unternehmen die neuen Prozesse im Tagesgeschäft leben. Ausnahmen: keine. Die Skaleneffekte sind bei der Automatisierung hoch. Aufgaben, die häufig erforderlich sind,, wirken durch die Automatisierung mit hohen Einspareffekten. Das verbietet “Sonderlocken”. Diese lieb gewordenen Besonderheiten, aus oft nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, stehen der Digitalisierung im Wege. Hier ist besonderer Mut erforderlich vermeintlich Bewährtes zu ersetzen. Denn Digitalisierung ist nicht additiv, also zusätzlich zu bisherigen Prozessen, sondern sie ersetzt sie umfassend.

Führen heißt Digitalisierung vorleben

Damit diese Wirkung eintritt muss die Unternehmensführung die Digitalisierung mit allen Neuerungen und Veränderungen vorleben. Eine Führung, die nur halbherzig über Digitalisierung spricht, weil es sich gerade so gehört, weil es gerade schick ist, wird ihrer Aufgabe nicht gerecht. Sie muss begeistern. Sie muss begeistern für das Unternehmen und für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, völlig neue Wege zu gehen. Nennen Sie es disruptiv, nennen Sie es eine Revolution.

Digitalisierung ist Innovation in Prozessen und Datenketten

Viele eingeschliffene Prozesse sind nur deshalb noch aktiv, weil sich niemand, aber auch gar niemand dafür einsetzt, diese zu erneuern. Die Behauptung „Das läuft doch gut” ist eine in seltenen Fällen belegbare Behauptung. Sie dient meist nur dem Schutz vor Veränderung. Die Angst, etwas neu zu tun ist hier die Bremse für jegliche Innovation und damit für eine Innovation der Prozesse und damit der Digitalisierung. Die Angst, dass neue Prozesse, neue Software, neue Verantwortung scheitern, verhindert dann die Innovation. Die Innovation braucht deshalb Mut zur Entscheidung, etwas konsequent und neu zu machen.

Digitalisierung braucht neue Verantwortung

Zu unserem Beispiel: Wenn der Polier oder die Bauleitung den Lieferschein freigeben, ist die sachliche Prüfung der Lieferung erfolgt. Da greifen noch deutlich weitergehende Änderungen in der Verantwortung:

Wenn die Bestellung für den neuen Fertiger erfolgt und freigegeben ist, braucht die Geschäftsführung die Eingangsrechnung nicht mehr freigeben. Was soll sie auch tun? Sie können sich informieren lassen, dass der neue Fertiger da ist.

Alle Abteilungen sehen in Echtzeit die aktuelle Geräteauslastung und Disposition im ganzen Unternehmen. Ja, die Geräten gehören dann nicht einer Abteilung und ja, dann werden Geräte nicht extern angemietet und wertvolle Barmittel verlassen das Haus, während auf einer anderen Baustelle Geräte ungenutzt herumstehen.

Es ist auch klar, dass alle Akten elektronisch nach demselben hochautomatisierten Schema geführt werden, so dass alle Menschen im Unternehmen sofort entsprechend ihrer Rechte die aktuellen Informationen sehen, die für ein Projekt oder eine Abteilung wichtig sind. Ganz gleich wo sich jemand gerade befindet, jeder kennt sich sofort aus und kann in einer schnelllebigen Zeit sofort reagieren.

Ein neues betriebswirtschaftliches Verständnis führt zu einem Projektcontrolling in Echtzeit. Hier werden keine traditionellen Leistungsmeldungen „gemacht”, hier wird tagesaktuell gesehen, wie der Status der Baustelle tatsächlich ist damit schnell reagiert werden kann.

Dass dazu dann das modellbasierte Planen und Bauen mit BIM3 Bestandteil ist, ist eine Selbstverständlichkeit.

Digitalisierung braucht Mut zum Erfolg und Mut zum Scheitern

Digitalisierung ist kein einmaliges Programm, das gekauft wird. Digitalisierung ist der Weg eines Bauunternehmens Routinetätigkeiten zu automatisieren, die Informationen bereitzustellen, wie morgen besser als heute auf der Baustelle gearbeitet werden kann und mit offenem Visier die betriebswirtschaftliche Situation des Bauunternehmens tagesaktuell zu sehen. Jeder einzelne Schritt, der auf diesem Weg gegangen wird ist „eine Wette auf die Zukunft”4. Jeder der Schritte kann scheitern. Dann wird auf einem anderen Weg ein neuer Schritt gesucht ans Ziel zu kommen. Aus den Erfahrungen des Scheiterns wird Lernen. Das ist wie bei Kindern, wir lernen aus Fehlern.

Wer nicht den Mut hat zu scheitern, hat nicht den Mut zum Erfolg.

 

Fußnoten
1. Portable Document Format ist ein Dateiformat zur weitgehend originalgetreuen Anzeige elektronischer Unterlagen. Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Portable_Document_Format, abgerufen 17.08.2020
2. „Zuboffs drei Gesetze“ zitiert in der FAZ 11.02.2013 aus „In the Age of the Smart Machine“, Shoshana Zuboff, Professorin Harvard Business School.
3. BIM – Building Information Modeling beschreibt eine Methode der vernetzten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Bauwerken mithilfe von Software. Dabei werden alle relevanten Bauwerksdaten digital modelliert, kombiniert und erfasst
4. Aussage des CIO eines großen deutschen Bauunternehmens im Sommer 2020